de:bug #17, oct. 1998 Eine Doppel LP die so definitiv über das Netz zustande gekommen sein muss, weil man fast jeden der Producer aus den einschlägigen Mailinglisten und Newsgroups kennt. Auf den Notes sind dann auch etliche E-Mails abgedruckt die es gebraucht hat um zu der LP zu kommen. Und, vorweg, Musiker im Netz sind ganz schöne Wirrköpfe wenn es daran geht ihre Lieblingsmusik selber zu machen. Allen voran Thaddi, den ihr ja kennt, hier mit einem himmlischen eirig effektverliebten Glöckchentrack, der so niedlich dahinplöckert, wie er gelegentlich böse abstürzt. Blue Film 1 ist ein verkappt dubbiger Loop mit Stummfilmqualitäten und ganz merkwürdigen Vorstellungen davon was die einzelnen Kanäle so zu sagen haben. Rauschig, minimal und verwirrend strange. Ein Beat, eine Idee, ein Rauschen, aber es klingt gross. Crackpot heissen nicht nur so, sie klingen auch noch so. Backspins die versuchen sich als Track zu organisieren und dabei immer wieder umfallen. Schräg wie eine Kotzorgie am Nachmittag, und dabei dennoch sehr lustig. Irritant verlegen sich auf totalreduzierten Kleinkinderautistenfunk der zu ergründen sucht warum ein Wecker klingelt. Und das war erst die erste Seite. Kick Snare Kick Snare machen, tja, wo sind sie hin, auch ja, Kunstpause. Krümelige PlinkerPlonkermusik in konkret. Society Suckers klingen wie ein Remix von Irritant nur mit Bassdrums aus der Dose und schon sind wir bei Chris & Paul mitten im absurdesten Lofi terror den ich seit langem gehört habe. Aristide Massaccesi beruhigt uns und sich mit einer Orgelsymphonie die auch von der Klangstabilorgelplatte hätte kommen können, und die sehr tragische Dinge erzählt, und Multipara, der Lump brutzelt sich ein Paar Prozessoren. Der Rest, die ganzen anderen beiden Seiten sind ein Geschenk. Und mindestens ebenso strange, knusprig und gut. Ein längst fälliges Manifest für die Vielseitigkeit der Welt im digitalen Zeitalter. 5/5----Bleed
spex #219, feb. 1999 Den ignoranten MP3-Stalinisten und die Hardwax-Klugscheisser lässt das [...] sperrige Doppelvinyl der Biophilia Allstars alt aussehen. Im März 1996 gegründet, diente die private Mailing List bisher einem kleineren Kreis von gleichgesinnten, an Noise, Experimenten und Minimalismen interessierten Musikfreunden für den üblichen Austausch von Informationen und Gedanken; die Platte versteht sich als Erweiterung des Mediums und entstand unter Beteiligung von Thaddi, Crackpot, Irritant, Society Suckers, Multipara, Nedjev, Thilo Mezger, Harald Walker und anderen. Chris & Paul von unserem allerliebsten Hamburger Label Cross Fade Enter Tainment spendieren sogar ihren gleichnamigen Themesong, eine mesmerisierende, ungewöhnlich gemächliche rollende Reflexion über trennscharfe Balanceregler und verfusselte Schieberegler. Leider ist die Platte trotz ihrer Grösse auf 500 Stück limitiert, vielleicht kann Multipara weiterhelfen. ----Lars Brinkmann
t.n.t. cosmos #007, jan. 1999 Un double 12" allemand sur ce nouveau label, pochette imprimee dans le gout japonais, et qui regroupe la scene virtuelle (un newsgroup d'internet) dont on connait christoph de babalon et paul snowden, les somatic [?], aristide massaccesi (dj entox, qui semble preparer quand meme un nouveau skreem), society suckers (kool.pop), irritant, mais aussi de nouveau venus comme thaddi, crackpot, kick snare kick snare, blue film, multipara, artificial unintelligence, thilo mezger, low entropy, harald walker, eat ds et nedjev. Beaucoup de variations sur cette compile electronique, breakbeats, trashy house, bruit, acid, etc. ----Michel Comte
the wire #181, march 1999 Enough sweetness and light. Let's get back to nasty. The compilation from Berlin based Biophilia Allstars patches together 18 tracks from 15 artists operating across the spectrum of new electronics. An edgy flaring up of fresh ideas, genre grafts and false moves, it centres around a mutual appreciation of crunch-technician Biochip C. Highlights include Sonic Subjunkies' DJ Thaddi reinventing himself via the underwater ambience of "Changing Trains at Bank", the digital skree of Kick Snare, Chris & Paul's cavernous drill'n'bass, and the crunchy Electro of Irritant's "Spoilt Child". ----David Howell
artefakt #06, summer 1999 Lux Nigras Debut-Release atmet den Spirit des Enthusiasmus und den pflegt es mit Liebe zum Detail. Aus dem Scherbenhaufen, der das "Phänomen Techno" hinterlassen hat, rekrutiert sich das Personal einer Mailing List called Biophilia. Es wird gelabert, sich ausgetauschelt und gefachsimpelt und - musiziert. An, auf, mit Elektronik zum Beispiel. Von romantisierenden Schwerenötern bis Revoluzzer-Arien ist Biophilia ein Land der Gegensätze. Unnötig zu erwähnen, dass es Techno nie gegeben hat. Industrial aber dann halt auch nicht. Wer das verneint, hat möglicherweise irgendwo darin Geld investiert. Das verführt die Biophilia Allstars nicht, an ihrer Existenz zu zweifeln. Denn Geschichte kann man selber schreiben, indem man das Netzwerkeln das Reich des Virtuellen verlassen lässt und konkret wird, schwarz, zu Doppelvinyl. Dieses spannt farbenfrohe Bögen von Basic Channel zu Ikeda zu Oval. Berlin, Köln, Tokyo, Internet. Es macht nicht weniger als Sinn, Hoffnung und Freude, dieses Low bis No-Fi-Gestammel mit Grandeur, diese gesammelten Werke der Familie Fax Machine. Das Teil hat Charakter und es will dein Leben. Meins hat es schon. ----Annibale Picicci
s.i.a.m. #10 online Eine Kompilation, wie man sie seit langem vermisst hat. Obskure Namen, die man noch nie gehört hat. Geographisch kaum zuzuordnen, selbst nach mühevoller Lektüre des Augenpulver-Beiblatts, das kryptisch ausfällt wie die berüchtigten e-mails von v/vm. Eine Ausnahme gibt es; Thaddi dürfte den de:Bug-Lesern als Rezensent von industrial-affinen Produkten ein Begriff sein. Damit ist das Programm von Biophilia Allstars umrissen. Diese Non-Stars bearbeiten das Bermudadreieck Industrial-Techno-Ambient mit vielen Mitteln und aus vielen Perspektiven. Mit Blick auf das Ergebnis hat es nur genützt: Ein abwechslungsreicher Sampler ohne Techno-, Collagen- oder Harsh-Noise-Klischees. Zu hoffen bleibt, dass weitere Projekte folgen. ----Franz Liebl
leeson #9, dec. 1998 Lustige Geschichte: Neulich mit der Band [...] in Berlin gespielt und Kumpel Dietmar getroffen, der sich allerdings entschuldigen ließ, er müsse das Konzert früher verlassen, ein Freund von ihm feiere in einem angesagten Technoschuppen seine LP-Release-Party. 20 Missverständnisse weiter war dann sonnenklar, dass es sich hierbei um unseren alter Konstanzer Beat-Culture-Buddy Multipara handeln müsse und kaum ein e-mail später lag dann das opulente 2-LP-Monster vor mir, mit den tollen japanischen Streetscenes auf dem Cover.....
Eine weitere kleine Erfolgsstory, die nur dadurch möglich wurde, den unmöglichen See hinter sich zu lassen und in die "real world" einzutreten - in diesem Fall die neue Spree-Metropole. Musikalisch zeichnet der von Multipara mitinitiierte Sampler einen weiten Bogen von beatlosen Electronica-Experimenten, fiesen Noise-Attacken bis hin zu dubbigen 4-to-floor-Minimalismen Berliner Schule. Leider weiß ich so gut wie nix über die entweder bärtigen oder bebrillten nachdenklichen, jungen Männer auf der Platten-Beilage, und auch die als einziges Info beigelegte e-mail-Diskussion, wie man baldmöglichst an Promofotos aller Beteiligten kommen könne, erinnert mich nur zu gut an eigene nervtötende Erfahrungen mit dem Business. Aber: brillante Tracks, die umso besser sind, je vielschichtiger und irritierender sie organisiert sind. "Crossfade Entertainment" von Chris + Paul zum Beispiel lädt mit seinen extremen Stereoeffekten zum Spielen am Balanceregler deiner Stereoanlage förmlich ein. Bitte besorgt Euch dieses exquisite Werk bald, da auf 500 Stück limitiert. ----Christoph Linder
angbase #5, spring 2000 Electronic bedroom producers get together for a varied collection of contemporary post-techno sounds featuring, say, the variety of Mego and the pop-aware tendencies of A-Musik and maybe even the annoying tricksterism of Sabotage or Cheap. Thaddi's track is sensuous and mysterious echoes and bleeps, with some loud delayed tones occasionally erupting from the bubbling mix. Crackpot's "Spunout" is looped craziness with a twisted feel- like a lo-fi Nurse With Wound. Multipara's "Pocket Monster" is a cool and brief noisy breakdown- abstract and barely in-control keyboard sequences that jump up alarmingly in pitch. "Black China" is Multipara's other track, and may be my favorite on this compilation. Voice cut-ups over slow soundtrack-ish music. A stolen Chinese vocal line emerges over a clicking beat rather like Dumb Type's media collage material. The Chinese song runs practically uninterrupted and unmodified through parts of the song. Very low key and soothing- whatever Multipara's interventions were, they added up to something quite special and beautiful. Thilo Mezger's self-explanatory "Komposition fur 64 Oszillatoren" is simple patterns of tones, some of which are of such a frequency that you can feel them more than hear them- extremely cool. The final track, Thaddi and M.Z.'s long "No Movement No sound No Memories" is a train ride through industrial and futuristic sound worlds. Very static, with a pounding non-funky beat, it hisses and echoes like an old Heldon album side. A sonic jumble, yet purposefully done. These are just a few of the highlights- there's a lot of music on here, and I just chose to highlight the odder selections- some of the other pieces on offer here are straight techno (almost too straight in spots) and beat-less ambient. ----Carlos Pozo
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