de:bug #78, januar 2004
von hendrik kröz
DAS SCHWARZLICHT BEIM SCHREIBTISCH
Lux Nigra

Immer anders, immer wieder neu: Lux Nigra startete als Netlabel, materialisierte sich mit 'Biophilia Allstars' auf Vinyl - vor fünf Jahren war das. Seitdem haben viele schöne Releases von Berlin-Neuköllns red light district aus die Welt bereist. Dezent geknallter Korken: "Lux Nigra Allstars", die Compilation zum Fest.

Ein schwer verdientes Fest, wie das Coverfoto der Compilation verrät: Die Mienen der beiden abgebildeten Bürokräfte sprechen Bände... auch wenn sie anderswo beschäftigt sind. Gab es beim Promo-Eintüten (bzw. Vinylkartonschleppen) ab und zu Momente des Zweifels? Labelhead-in-office Multipara stellt das Gegenteil klar: "Die nächste Lux Nigra kommt immer. Problem, wie bei allen kleinen Labels, sind die wirtschaftlichen Zwänge". Auch die konnten nicht verhindern, was hörerseits geschah: das getting-to-know einer Lieblingsplatte zum Beispiel. Lux Nigra gelang es immer, das Charmepotential des EP-Formats optimal zu nutzen: Sechs ausgewählte Tracks sagen mehr als ein geduldig zu durchmessendes Album. Wer könnte dahinterstecken, fragt man sich. Und: Woher kam der Funkspruch? Rockin' Pony senden aus London / Jerusalem, Karl Marx Stadt von ebenda, und Blätter aus Tokyo. Zuhause in Berlin: Arovane, Thaddi, Schikowski, Multipara, Zorn.

SMELLS LIKE TEAM SPIRIT

DEBUG: Gibt es seitens des Coaches geheime Favoriten im Allstar-Team?
MULTIPARA: Eigentlich nicht. Es gibt bekannte Platten, "No movement, no sound, no memories" und Zorns "The city's collapsing (but not tonight)", spezielle wie "Mein kleines Pony", und natürlich meine, die "Pocketmonsters". Charakteristisch fürs Label sind die alle nicht, wenn man sie aber zusammennimmt, repräsentieren sie Lux Nigras Vielfalt. "Biophilia Allstars" lieferte den Blueprint, konnte die Repräsentationsrolle aber nie übernehmen, weil limitiert - wir wollten uns ja entwickeln können. Und unsere Grundidee: die Präsentation einer Vielfalt, die trotzdem irgendwie zusammenhält. Jetzt gibt es "Lux Nigra Allstars", quasi als Visitenkarte.

Großgeschrieben: Das "Wir", bei allem, was passiert. Natürlich ist die Compilation nicht nur ein retrospektives Best-of, sondern auch ein gemeinsames Schlendern durch den Backkatalog. Remix-Pingpong mit überraschenden Ergebnissen: Der düster wummernde 'Lords of Gabber'-Mix eines F. Schikowski-Poptracks zum Beispiel. Andere Stücke sind bis dato unveröffentlicht bzw. erscheinen in neuem Gewand. Es gibt viel zu entdecken auf diesem Tonträger, der auch optisch besticht: schwarzes Plastik, mit silbernem Logo gebrandet.

DEBUG: Worauf verweist der Name eigentlich?
MULTIPARA: Ganz banal auf die Schwarzlichtlampe bei meinem Schreibtisch - lokale Referenz also. Schwarzlicht ist ja normalerweise etwas, das mit "Club" assoziiert wird. Und nicht mit Schreibtisch... oder gar Latein. Klang aber gut in dieser Sprache. Löste unbeabsichtigterweise auch Darkwave- oder Goa-Konnotationen aus. Aber irgendwann ist es einfach ein Name.

JELLYFISH + PONY = SPUTNIK?

Addierte man alle Lux Nigra-Releases zusammen, ergäbe sich ein Widerspruch in sich. Roter Faden des Labels: kein Konsens, sondern die Suche nach innerer Spannung. Die bei jedem Akteur anders klingt: ein alarmierender Chordwechsel in einer Fläche weit, weit hinten im Mix ("Jellyfish" von "Blätter"), der eine Synthieträller zuviel, der Fröhlichkeit zum Kippen bringt ("Mein kleines Pony"). Oder, vordergründiger, ein Beat, der um 180° dreht, just da man lossteppen wollte ("Sputnik" von "The City's Collapsing") - rhythmische Energie, das zweite Grundmotiv des Labels. Fast scheint es, als sammle Lux Nigra solche Momente, um unser Feingefühl zu testen. Und das Nervenkostüm: mit Fruity-Loops- / Windows-Standardsounds auf Biochip C's "2001"-LP zum Beispiel. An solche Irritationen erinnert die neue "Allstars" - es war eben immer das Unerwartete, mit dem das Label fesseln konnte: sich mitzufreuen, wenn ein irgendwie nach Boomtown Rats klingendes Oregon-Sample Träger eines supertiefen Tracks wird ("Submerge" von "Blätter"). Und mitzuschweben, wenn mitten in akustischer Güterbahnhof-Szenerie fluffy 4/4-Strukturen durchblitzen (Thaddis "Deep Pocket, Cute Monster"). Wie geht man nach solchen Hits die zweite Hälfte der Labeldekade an? Am besten mit neuem Material: Der "Marianengraben" klafft gleich nach Jahreswechsel, mit Remixen von u.a. Christian Kleine, Styrofoam, Hey-o-Hansen, Pony M und Blätter.

DEBUG: Weitere Pläne für 2004?
MULTIPARA: Die zweite "No movement no sound no memories"-EP! Kann noch nicht viel sagen über das andere, in welcher Reihenfolge es kommt, oder ob es überhaupt so passiert. Das wissen wir alle, wie immer, erst, wenn es soweit ist. Unsere Website hält alle Interessierten auf dem Laufenden.
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