black #29, oktober 2002
von till schroeder
LUX NIGRA
Genregrenzen? Kenn wa nich, ham wa nich.

Eklektizismus erfährt ja mehr und mehr eine kulturelle Aufwertung. Früher noch als unkreatives Zusammenstellen fremder Ideen abschätzig von Feuilleton bis Dudenredaktion behandelt, noch dazu unter keiner einheitlichen stilistischen Prämisse und damit automatisch angeblich schlechten Geschmack beweisend, ist er im Zuge des postmodernen Spiels der Zeichen und Kombinationen mittlerweile als Selbstbedienungsladen für jede Stimmung und Fasson und anerkannter Ausdruck des weltgewandten, bewanderten und offenen Bewohners des 21. Jahrhunderts rehabilitiert worden. Multipara ist so ein Eklektiker. Offen bekennend noch dazu und mit Missionierungstrieb. Es sollen doch gefälligst andere Menschen auch die Scheuklappen ablegen und sich den Qualitäten jeder Musikrichtung zuwenden. Und so steht in seinem Labelrepertoire ein Breakcore Sampler aus Chemnitz neben jazziger Postrockelektronik aus Israel und dubbiger Basic Channel Electronica aus Berlin. Da muss man als Konsument schon breit gefächert sein. Heutzutage glücklicherweise kein Problem mehr. Das Limitierende von elitistischen Genregrenzen ist spätestens seit der Hoffähigkeit von Easy Listening endgültig passé. Alles kann interessant sein und alles hat seine Berechtigung, nur Qualität muss es haben, Einzigartigkeit, inhaltliche Schlüssigkeit, und so veröffentlicht das Berliner Label eben nicht jeden Scheiß. Entstanden Mitte der Neunziger aus einer Mailingliste heraus, die sich um eine Handvoll Kölner/Frankfurter Labels, auf denen Biochip C. veröffentlichte, drehte, bemerkte man bald, dass viele der Mitglieder selbst Musik machten. Ein erster Sampler entstand, mehr Kontakte ergaben sich und unversehens sah sich multipara vor einem richtig laufenden Label. So gut sogar, dass sogar Biochip C. Veröffentlichungen beisteuert. So schließen sich manche Kreise. Mittlerweile hat man sich einen kleinen aber feinen Namen erarbeitet. Frederik Schikowski läuft einem schon seit einiger Zeit als Geheimtip im Naivpopbereich über den Weg, Biochip C. fräst kompromisslos seinen Electro/Hardcore Techno Weg, Michael Zorns Album "The City's Collapsing (But Not Tonight)" wurde wegen seiner brillianten Synthese aus dubbiger Ambienthaftigkeit und Electronica Rhythmen überall abgefeiert (auch im Black) und entwickelt sich zu einer Art Zugpferd für das Label, das Interesse auf Lux Nigra lenkt, auch wenn die restlichen Labelkollegen in vollkommen andere Richtungen gehen. Jeder merkt sofort welche Authentizität und Mühe in den Veröffentlichungen stecken. Gefühlsbetonte Musik, die nicht langweilt oder kitschig ist. Rhythmische Angriffe auf liebgewonnene Hörgewohnheiten. Qualitätseklektizismus eben und so soll es auch sein, wie mir bestätigt wird.

Black: Wie erklärst du dir die große, stilistische Bandbreite deines Labels, von Breakcore bis zu Post-Rock Jazz Ambient?

multipara: Daraus, dass meine Interessen oder mein Geschmack sich nicht an Genregrenzen halten und ich das so auch richtig finde. Und weil ich trotzdem glaube, dass sie kohärent sind. Es gibt ja auch Label, wo die Breite sich auch daraus ergibt, dass da mehrere Personen sich in den Entscheidungen abwechseln, Fat Cat zum Beispiel. Bei Lux Nigra gehört schon alles zusammen. Es fügt sich nur nicht in die vorgegebenen Schubladen.

Black: Welche Qualitäten muss Musik für dich besitzen, um veröffentlichungswürdig zu sein?

multipara: Ich glaube nicht, dass es für Veröffentlichungswürdigkeit allgemeine Kriterien gibt. Mit den persönlichen Gründen ist das auch so eine Sache - ich kauf und mag ja auch Sachen, die ich aber noch lang nicht auch veröffentlichen würde, obwohl Lux Nigra schon ein eher offenes Label ist.
Entscheidend ist zuerst, wie erwähnt, meine Begeisterung. Wenn ich die beobachte, stell ich fest, dass ich Sachen mag, die mit der rhythmischen Ebene spielen, und überhaupt von einer rhythmischen Energie leben. Außerdem finde ich Platten gut, die ein bisschen zeitlos sind, die man oft und über längere Zeit hören kann, die sich auch erst allmählich erschließen. Bevor über eine Veröffentlichung entschieden ist, und erst recht bis sie stattgefunden hat, hör ich die Musik ja sehr oft. Sehr konzeptuelle Platten, oder solche, die vor allem einen Knalleffekt haben, mag ich schon auch, aber die wandern halt schneller in den Schrank. Wär blöd, wenn ich die Musik, wenn sie erscheint, schon nicht mehr hören kann. Wie die guten Platten es schaffen, auf Dauer zu fesseln, das ist unterschiedlich; ich glaube es hilft, wenn sie nicht eindeutig in ein Genreraster passen... Aber ansonsten ist das wirklich eine Sache aus dem Bauch. Man findet halt die Musik eigen und liebenswert und versteht sich mit den Leuten dahinter... und wenn man kann, dann bringt man es raus.

Black: Kannst du kurz zu jeder deiner Bands sagen, was du an ihnen schätzt und warum du sie veröffentlicht hast?

multipara: Nein, das kann ich nicht. Das sind alles lange Geschichten, zudem mehrere Dutzend. Ich kann halt versuchen, ein paar Sätze zu sagen...
Bei Rockin' Pony gefällt mir, wie selbstverständlich sie die komplexen Entwicklungen ihrer Stücke konstruieren. Die Sachen springen ja nicht nur von Idee zu Idee, sondern auch von Stil zu Stil - man weiß zwar nicht, wie einem geschieht, aber man landet immer sicher. Die wissen ja auch genau, was sie machen.
Bei Blätter mag ich die Zurückhaltung, mit der ihm eine sehr zärtliche Musik gelingt, und auch den speziellen Sound.
Biochip C. ist einfach ein großes Kind, komplett verspielt und tabulos - eine einzigartige Persönlichkeit. Das auszuleben leistet sich ja kaum mehr jemand. Und es steckt an, das weiß auch jeder, der ihn mal live oder als DJ erlebt hat.
Die Karl Marx Stadt ist eine zu komplizierte Geschichte... steht mir sehr nah, die Musik, ganz unreflektiert. Interessant ist vielleicht, dass es eigentlich eine Compilation ist, nur dass sich herausstellte, dass die Stücke, die ich aus dem Pool ausgesucht hatte, den mir die Chemnitzer Freunde zusammengestellt hatten, fast alle von einer Person kamen.
Micha Zorns Musik erklärt sich ja weitgehend selbst, wie auch die Reviews gezeigt haben. Speziell auf dem Album integriert er verschiedene Aspekte von Techno, Dub und Electronica mit einem eigenen Melodieverständnis zu einer nächtlichen Stadtatmosphäre, eigentlich ambient, aber dicht unter der Oberfläche sehr energetisch. Finde ich gut und richtig und gelungen umgesetzt.
Frederik Schikowski kommt ja daher wie locker hingeworfene Kindermusik, ist aber eigentlich hoch stilisiert und wie ich finde durchaus abgründig. Macht mich gleichzeitig gutgelaunt und wehmütig.
Wie es zu einer Veröffentlichung kommt, ist ja auch eine vielschichtige Angelegenheit. Bei Demos läuft das ja anders ab als bei Sachen, die man quasi in Auftrag gibt. Voraussetzung bei Demos ist natürlich, dass ich von der Musik fasziniert bin, dass ich das Gefühl habe, daraus lässt sich eine schöne und runde Platte machen. Bei kommissionierten Sachen - Sammlungen von Remixen z.B. - ist es einfach die Neugier, was verschiedene Künstler wohl mit einem bestimmten Stück anstellen werden. Bei den beiden Alben war es so, dass wir vorher und während der Entstehung über musikalische Inhalte gesprochen haben, die wurden fürs Label gemacht. Eine zugrundeliegende rhythmische Spannung, auch ein Experimentieren mit Grooves und Rhythmen, die sich auf den beiden Platten finden, ziehen sich ja durch den ganzen Labelkatalog. Wichtig ist nicht zuletzt, dass die Künstler und das Label sich verstehen. Musik auf diesem Level ist ja etwas sehr persönliches, ohne ein gewisses Maß an Freundschaft kann man da nicht vernünftig zusammenarbeiten.

Black: Gibt es musikalische Bereiche, aus denen du nicht veröffentlichen würdest?

multipara: Grundsätzlich nein. Das heißt natürlich nicht, dass alles möglich ist. Einige Sachen sind extrem unwahrscheinlich (Musikantenstadl...). Aber mir scheint es geradezu widersinnig, sich bei künstlerischen Projekten von vornherein festzulegen, wo es hingehen darf und wo nicht. Was bleibt, sind wirtschaftliche Zwänge.

Black: Wie ist bisher die Reaktion auf deine Veröffentlichungen?

multipara: Es ist klar, dass ein Label, das sich so wenig um Erwartungen schert, keine Breitenwirkung haben kann. Sehr viele kennen eine oder zwei Platten, sehr wenige kennen die meisten. Über letztere freut man sich als Labelbetreiber natürlich vor allem: das bestätigt einem, dass das Label als ganzes funktioniert. Wenn Leute bereit sind, sich auf was einzulassen, weils auf dem Label erschienen ist, und nicht einfach nur, weils ihnen eh gefällt. Oder auch: Wenn Leute plötzlich merken, dass sie eine ganze Reihe Lux Nigras haben, ohne dass sie beim Kauf aufs Label geschaut haben. Solche Geschichten sind das Optimum, und die kommen vor.
Zu den einzelnen Releases gibts natürlich sehr unterschiedliche Reaktionen, zum Teil auch ganz unerwartete. Bei Frederik hatte ich keine Ahnung, ob das jemanden interessieren würde. Da waren wir natürlich glücklich, als begeisterte Reaktionen kamen. Dass die Biochip CD sehr kontrovers aufgenommen würde, war aber von vornherein klar, genauso wie dass die Blätter sehr vielen reinlaufen wird. Negative Reaktionen sind ja grundsätzlich eher selten, und eher ein gutes Zeichen als ein schlechtes. Deprimierend ist, wenn Leute sich einen ganzen Stapel Promos schicken lassen, und dann gar nicht reagieren; gibts auch. Was die Reaktionen beim Verkauf angeht, da finde ich schön, dass die Platten sich allgemein als Langzeitseller erwiesen haben. Aber unterm Strich geht es bei so einem Ansatz natürlich ums Überleben.

Black: Bisher lag der Fokus auf Vinyl. Es gibt nur zwei CD Veröffentlichungen (Biochip C. und Zorn). Bevorzugst du ein Medium gegenüber dem anderen?

multipara: Ja. Ich mag Vinyl lieber. Ich mag den Klang, auch das Material und die Art, wie es sich abnutzt. Ist angenehmer in der Handhabung, speziell beim Auflegen. Man sieht die Musik. Und ich bin mit diesen großen Hüllen aufgewachsen, in deren Artwork man sich beim Hören versenken kann. CDs finde ich nur in besonderen Fällen besser geeignet, wenn die Musik besondere Eigenschaften hat, die auf Vinyl nicht adäquat reproduzierbar sind, oder wenn's unbedingt auf die längere Spieldauer ankommt. Im allgemeinen finde ich CDs aber auch zu lang. Eine halbe Stunde mit einer Pause zwischendrin finde ich ideal. Das heißt, ich bevorzuge nicht nur das Medium, sondern auch das Format Mini-LP.

Black: Ich sehe dich auch als Teil der stark vernetzten Berliner Elektronikszene (City Center Offices, Morr Musik, De:Bug, Neue Berliner Initiative, Zhark, Chicks On Speed, Kitty-Yo, Shitkatapult,...). Gibt es so etwas wie eine einende Komponente oder ist es eher ein sich gegenseitiges Unterstützen/Spaß am Ausprobieren in Kollaborationen, egal in welche Richtung man selber produziert?

multipara: Eine einende Komponente sehe ich nicht. Was es gibt, nicht zuletzt mit der kleinteiligen Clublandschaft, ist eine weitläufige, kontaktfördernde Infrastruktur; nicht zu vergessen die Leute, die sich um deren Erhalt kümmern. Wer eine grundsätzliche Neugier und einen gewissen Respekt für andere Ansätze mitbringt, findet schnell viel Anschluss. Aber darüberhinaus, wenn man genauer hinsieht, stehen Intentionen und Überzeugungen oft quer oder auch im Gegensatz zueinander. Mir hat immer gefallen, dass und wenn man sich trotzdem unterstützt hat. Viel Kollaboration beruht in meinem Fall auch einfach auf Freundschaften, auf deren Grundlage man sich dann an den Differenzen abarbeiten kann. Aber das ist dann eine andere Zusammenstellung von Namen als die von dir gegebene.

Black: Welche wären das? Gibt es Wunschkollaborationen?

multipara: Das sind Namen wie die von dir genannten City Centre Offices, auch De:Bug (Thaddi Herrmann halt) und Neue Berliner Initiative (als Club), aber auch Artefakt / Dense / Neurotitan, Hardwax, Digitalworldnet und Kool.Pop, Tochnit Aleph, Meinebank, Goldmund, Cross Fade Enter Tainment, Hey Rec, Digital Kranky, Repeat Repeat, Grundrauschen, Tete-a-tete... Eine Namedropping-Liste, die sich weiterführen lässt, und auch über die Grenzen von Berlin hinausdehnen, nicht zuletzt ist ja grade Lux Nigra ein Label, das aus dem Internet entstanden ist, wenn man sich die Geschichte der ersten Platte vergegenwärtigt. Gewachsen ist Lux Nigra aber in der Tat als "Berliner Label". Jedenfalls ist diese Liste einfach eine Auswahl von Berliner Bezugspunkten, mit denen in verschiedenster Weise persönlicher und inhaltlicher Austausch besteht, oder bestanden hat... und da sind durchaus auch welche dabei, die untereinander inkompatibel sind.
Wunschkollaborationen gibt es natürlich; das kann neue Kontakte betreffen oder auch einfach den Ausbau von bestehenden. Aber es ist schwer, darüber hier zu reden. Unterscheiden muss man ja zwei Fälle: den Zugang über die Arbeiten, oder den Zugang über die Personen. Lux Nigra funktioniert eher über letzteres - Grundlage für gemeinsame Arbeit ist eine gegenseitige Sympathie. Es gibt natürlich Künstler, die wir gut finden, und es wär natürlich super, wenn sich da was ergibt, aber wir arbeiten nicht so, dass wir die einkaufen. Und ich glaube, dass die Leute, für die wir uns interessieren, davon nicht aus einem Interview erfahren sollen.

Black: Du bist von Hause aus Linguist. Hat das einen Einfluss auf deine Herangehensweise an Musik?

multipara: Nein. Beide Aktivitäten teilen sich ein zugrundeliegendes generelles Interesse an menschlicher Informationsverarbeitung und einfach einen großen Spaß am Material "Klang" - auch in der Linguistik beschäftige ich mich ja in erster Linie mit der lautlichen Seite. Klar, dass beide sich auch gegenseitig befruchten. Aber letzten Endes sind die Herangehensweisen ja inkommensurabel. Soll auch so sein.

Black: Bei Lux Nigra fällt ein Gefühl für einheitliches Design auf, auch wenn die einzelnen Releases sehr unterschiedlich realisiert wurden. Gibt es eine Labelphilosophie?

multipara: Bezüglich des Designs? Naja, es gibt Grundvorgaben. Das Logo immer an derselben Stelle, immer Verwendung von Abbildungen, also kein rein grafisches Artwork, ein bestimmtes Grundmuster an Info... Dann gibts so Sachen, die halt immer wiederkehren: das Rumspielen am Logo, die Art der Kodierung der A- und B-Seite auf dem Etikett... Hinter den Einzelheiten stecken aber keine tiefen Gedanken. Das wächst einfach mit der Zeit - Designelemente, die gefallen und funktionieren, werden eben wieder aufgegriffen, und irgendwann hat das Label einen Look, der sich nicht klar benennen lässt, aber da ist. Für den Sound gilt das ja genauso. Diese Grundidee, das wachsen zu lassen, anstatt es am Reißbrett zu entwerfen, das ist auf jeden Fall Absicht (und nicht nur aufs Design beschränkt). Da kann man dann auch mal ausbrechen, wenn's gegeben erscheint. Etwa bei der Karl Marx Stadt, die als einzige außer Tracktiteln und Katalognummer keine Info enthält. Das kann dann eine Aussage machen, anstatt einfach nur falsch zu wirken.

Black: Wer oder was ist Artificial Duck Flavour, der anscheinend für alles Design zuständig ist und auch bei anderen Labels tätig ist?

multipara: Artificial Duck Flavour ist ein gemeinsames Projekt von Mark Engelhardt und Michael Zorn, und gelegentlich dazutretenden Dritten. ADF machen Musik, Grafikdesign und Webdesign. Zur Zeit haben sich die Aktivitäten etwas gesplittet: Micha konzentriert sich mehr auf die grafische Seite, Mark auf Musik und Web. Nicht alles Design stammt allerdings von ADF. Einige Sachen hat Paul Snowden (Cross Fade Enter Tainment, Redesign Deutschland) gemacht. Einiges ist von mir selbst. Wichtig sind aber auch die verschiedenen Leute, deren Bildmaterial ins Artwork eingeht, allen voran Mawil, der die Schikowski-Platten illustriert hat.

Black: Du hast auch ein eigenes Projekt namens multipara. Wann wird es da mal ein volles Release geben?

multipara: Wenn ich mich mal dazu durchringen kann, einen Monat lang einfach die Tür hinter mir zuzumachen. Ich arbeite ja sehr zu Fuß, z.T. mit Bleistift und Papier... es dauert, bis ich was fertig habe, womit ich zufrieden bin.

Black: Wie sehen deine musikalischen Einflüsse aus?

multipara: Das sind nach dreißig Jahren aktivem Musikhören ganz schön viele. Elektronische Sachen haben mich immer interessiert, angefangen als kleines Kind bei Kingsley's PopCorn, später Jean Michel Jarre, Depeche Mode, OMD, Human League... aber Anfang der Achtziger gab es zwei Schlüsselerfahrungen: zum einen D.A.F. und deren Umfeld, und zum andern grob gesagt das elektronische Studio des WDR - Stockhausen, Eimert, Koenig und so. Deren Radikalität und Kraft und Andersweltlichkeit, meine anfängliche Verwirrung und später Begeisterung waren die eigentliche Motivation dafür, mich mit Musik auseinanderzusetzen. Mitte der Achtziger war ich ziemlich frustriert, weil dieser rohe elektronische Aufbruch weitgehend versandete, und hab angefangen, am C64 meine ersten eigenen Stücke zu programmieren, und vor allem ältere Sachen gehört. Viel Minimal Music, und eher Gitarrensachen: Hüsker Dü, Big Black, Swans. Außerdem Bill Laswell und Umfeld; damals hab ich angefangen, Bass zu spielen. Und ein paar Entdeckungen gemacht, die mich heute noch begleiten: Bach, Charlie Parker, das Streichquartett-Genre. Etwas später kam dann mit Meat Beat Manifesto und natürlich Acid und den ersten Detroitcompilations die Elektronik zurück, und seither beschäftige ich mich halt vor allem mit dem, was sich daraus so entwickelt hat. Besonders gefallen haben mir die früheren Force Inc.-Sachen, Mono Tone, DJ.Ungle Fever, so rund um Biochip C., viel Hardcore, dann auch Basic Channel. Neues Interesse an obskureren und seltsameren Sachen hat sich vor einigen Jahren wieder aus einem regen Plattentausch mit einem Japaner ergeben.

Black: Wie bewertest du die momentane Lage der elektronischen Musik im Spannungsfeld zwischen 80er Retro und Clicks'n'Cuts?

multipara: Ungern. Pop ist mir als Bezugspunkt recht egal. Die beiden Pole, die du nennst, sind ja beides Pop-Pfeiler, der eine mehr so die Glamour-Ecke, der andere so digital, ein bisschen anti-körperlich auch; Soundsignale, Stammesgrenzen. Diese Themen werden halt jetzt gemolken und wer will, kann sich daran auch kritisch abarbeiten, nur dass sowas zunehmend nicht mehr interessiert. Da geht es ja um nichts mehr. Viele sind da auch gelangweilt und ziehen sich wieder auf Bandkonzepte und akustische Instrumente zurück, jetzt natürlich mit einem (post)elektronischen Verständnis. Andere arbeiten daran, mit einem Punk-Spirit die Energie der Rave-Zeit wiederzufinden, nachdem der Kommerz-Mainstream, aber auch die DHR-Schiene sich davon endlich verabschiedet haben, ganz abseits der Oktavbass-Zwangsjacke. Dem fühl ich mich eher verbunden. Abseits vom Genrespannungsfeld find ich beim elektronischen Zugang zur Musik immer noch entscheidend, dass er eben allen offensteht. Diesen anarchischen Aspekt überhaupt. Bei der ganzen stattfindenden rezessionsbedingten Konsolidierung ist es natürlich so, dass es die besonders schwer haben, die sich bewusst nicht an Spielregeln halten, die Leute, die was zu sagen haben, anstatt einfach nur den Markt zu bedienen. Auch die meisten im advanced-and-underground-Mantel wollen ja einfach nur das bestätigt haben, was sie schon wissen.

Black: Wo siehst du denn populäre Zugänglichkeit im Clicks'n'Cuts Genre? Sehe ich eher abstrakt und als Elitenunterhaltung, die von vielen gehört wird, weil's gerade schick ist, aber nur von den wenigsten wirklich als ästhetisches Modell angenommen wird.

multipara: Pop setze ich nicht gleich mit populärer Zugänglichkeit. Pop verstehe ich als Musik, die in einem bestimmten Traditionskontext steht, und sich auch als Teil dieses Kontexts begreift, diesen bestätigend oder fortschreibend. Nicht viel anders wie auch Jazz, oder Neue Musik... Clicks'n'Cuts ist einfach ein durch gewisse Soundästhetiken definitierter Stil der elektronischen Musik der Jahrtausendwende, innerhalb der Pop-Tradition (z.B. erkennbar am Marktkontext: nicht Verve oder Tzadik oder Wergo, sondern Mille Plateaux), und er ist bekannt genug, um die stildefinierenden Soundästhetiken signalhaft einsetzen zu können, d.h. man hört Stücke, die mit diesen Soundästhetiken arbeiten, sofort in Assoziation mit dem Stilkontext, und misst sie (gerechtfertigterweise) daran. Wenn dieser Kontext grade "aktuell" ist, erfährt sie dadurch Aufmerksamkeit. Grade in der Pop-Tradition ist ja diese Aktualität sehr wichtig, weil Pop sich mehr als andere Traditionen als "Musik zur Zeit" begreift. Das bedeutet auch, dass zu bestimmten Zeiten einfach ein Markt für bestimmte Stile herrscht. Was ich also meinte, ist dass auch vergleichsweise substanzarme Musik über einen Kontext, in den sie sich positioniert, Aufmerksamkeit erhalten kann. Das Elektro-Revival und Clicks'n'Cuts sind aktuell (noch) solche Kontexte.

Black: Und ist die Verquickung von Rhythmus und Melodie, gerade bei deinen Veröffentlichungen vorhanden, nicht eher der Popgrundpfeiler. Wiedererkennbarkeit und leichte Identifizierung der Songelemente erhöhen die Rezeptionswahrscheinlichkeit der Produkte. Ist dann nicht jede Musik, die im Kopf hängen bleibt, Pop?

multipara: Nicht grundsätzlich. Insofern es um Signale geht, ja. Aber es ist nicht entscheidend, dass etwas Ohrwurmqualitäten hat. Viele Acidsequenzen haben ja die Eigenschaft, auch bei oftmaliger Wiederholung nicht hängenzubleiben. Gleichermaßen gibt es eine Menge catchy Schlagermelodien, die einem den ganzen Tag das Ohr verkleben können, ohne dass man sie deswegen sympathisch findet. Was Lux Nigra angeht, ist es durchaus so, dass ich die Platten nicht als sperrig empfinde - wie gesagt, ich bin eher dran interessiert, dass man sie häufig hören kann, als dass man sie ehrfürchtig in den Schrank stellt. Aber das Label verortet sich nicht in einem zeitgebundenen Stilkontext. Manche Platten fügen sich direkt in einen solchen gegebenen Kontext ein, wie Blätter oder Zorn oder Frederik Schikowski; das merke ich daran, dass die auch viel leichter verstanden werden. Biochip C. oder Rockin' Pony sind in ihrem Umgang mit Stilen viel schillernder, auch ironischer. Viele steigen ja sofort aus, wenn sie mit Soundsignalen konfrontiert werden, die grade einfach out sind. Erschreckend finde ich, wieviel überhaupt nur noch an Sounds festgemacht wird, unter Vernachlässigung der meisten anderen Aspekte. Dabei nutzen die sich am schnellsten ab. Aber die Soundsignale entscheiden heute meist darüber, ob die Platte gekauft wird. Dass die Platte aber beim dritten Mal Hören langweilt, merken die Leute erst danach. Mich interessieren halt mehr die Sachen, die sich erst mit der Zeit erschließen, und dann hängenbleiben.
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