de:bug #49, juli 2001
von felix denk
APOKALYPSE, SPÄTER
Das Laptop zum groovigen Stolpern bringen... für Zorn ist das kein Problem. Mit seiner letztjährigen Mini-LP "Tower Park" bewies er stilsicher, wie man technoiden Funk immer wieder frisch und neu erfinden kann, ohne sich dabei auf langweiligen Allgemeinplätzen ausruhen zu müssen. Jetzt ist sein Debutalbum erschienen.

Michael Zorn ist einer von den umtriebigen Leuten, die elektronische Musik in der Fülle ihrer kommunikativen Möglichkeiten begreifen. Nur Musik machen reicht da nicht, denn ist der Sprung vom Rezipienten zum Produzenten erst mal vollzogen, entsteht das Bedürfnis, ind die Strukturen einzugreifen und somit die Rahmenbedingungen, in denen sich der eigene musikalische Output bewegt, gleich mitzugestalten. In klassischer Patchworker-Manier betreibt Michael Zorn zusammen mit Mark Engelhardt das Projekt Artificial Duck Flavour, bei dem es im wesentlichen um Grafik geht. Neben Webdesign und der Gestaltung von Plattencovern schafft es aber auch der ein oder andere Track von der Festplatte aufs Vinyl. Im Prinzip ist bei Artificial Duck Flavour alles recht flexibel, wie Michael erklärt, nicht nur was man macht, sondern auch wer dabei mitwirkt.
Nebenbei, gewissermaßen als Artificial Duck Flavour Music Department, betreiben die beiden das Label Engelszorn. Michael erläutert die ausgefeilte Marketingstrategie: "Wenn wir persönlich denken, dass es nett ist, das rauszubringen, dann bringen wir es halt raus." Klare Sache also, nur Lieblingstracks dank der ökonomischen Stabilität der 1000er Auflage. Vernetzung ist aber auch bei dem Produzenten Michael Zorn Programm. Er ist nicht der autistische Nerd, der im stillen Kämmerlein die Nächte vor dem Rechner verbringt, sondern eher jemand, der im kreativen Prozess den Austausch mit anderen sucht. Dies zeigt sich nicht nur in den Zusammenarbeiten mit anderen Produzenten, sondern auch in der Genese seines Albums "The city's collapsing (but not tonight)", die im gedanklichen Austausch mit Peter Gebert von Lux Nigra entstand: "Peter hat die ganze Zeit Sachen von mir vorgespielt bekommen. Da ist so eine Zusammenarbeit entstanden. Er hat auch die Tracks für das Album ausgewählt."
Herausgekommen ist dabei so etwas wie ein akustisches Trompe d'Oeil. Was an der Oberfläche heitere Gelassenheit verströmt, entpuppt sich bei mikroskopischer Betrachtung als krude Mischung unterschiedlichster Soundquellen. Da kommt zusammen, was nicht zusammengehört, und das Ergebnis klingt dann unverschämterweise noch wie aus einem Guss - ein äußerst charmantes Hybrid aus stolperigem Techno mit getragener Atmosphäre, aus Dub ohne Delay, Gabba ohne Härte und Plinker ohne Pop. So ist auch der Titel kein Kassandraruf und soll auch nicht auf das kommende Ende aufmerksam machen, sondern den kontrastreichen, auf gegensätzlichen und scheinbar unvereinbaren Elementen fußenden Bauplan unterstreichen.
Würde man Michael Zorns Tracks in einem Club im Tanzzusammenhang spielen, müsste man sich nachhaltig um die Gesundheit der TänzerInnen sorgen. Verstauchungen, ja Knochenbrüche dürften nicht die Ausnahme bleiben, wenn die stolperigen, immer neue Stunts wagenden Beats und Breaks aus den Subwoofern dröhnen. Scheint da der Tänzer im Produzenten durch? "Man kann das ja nicht immer ganz wegwischen. So Ambient-Sachen könnte ich nicht machen. Irgendwie ist die Platte ja schon recht beatlastig, da werden viele Sachen kombiniert. Querlaufende Elemente, gerade Rhythmen, die ungerade wirken." Der Kontrast zwischen den mitunter anstrengenden Rhythmen und der doch sehr getragenen, eher introvertierten Gesamtatmosphäre zieht sich wie ein roter Faden durch das Album. Michael erklärt die Idee: "Peter hat früher viel Hardcore und Gabba gehört. Er hat mal ein Tape gemacht, auf dem er schnelle Beats mit einer sehr deepen Atmosphäre kombiniert hat. Ich fand, dass das super funktioniert hat, und das wurde dann auch die Grundidee von der LP. So eine moody Stimmung, die aber auch Drive hat. Mich hat am Ende überrascht, wie schnell und technoid das Ganze wurde." Überhaupt ist "The city's collapsing (but not tonight)" kein Album, das völlig referenzfrei im luftleeren Raum schwebt. Es geht weniger um die Suche nach einer genuin neuen Formensprache, sondern eher um eine Neuordnung von bereits Formuliertem. Das fängt bei den Einflüssen an. Was die soundtechnische Sozialisation angeht, ist der Berliner hörbar ein Kind seiner Stadt. Nach der unvermeidlichen 80s Dancepop Initiation folgte die klassische Trias aus Detroit, Dub und Electronica. Das alles in der richtigen Dosierung durcheinandergeschüttelt, ergibt sich dann doch wieder die Nische, die so vieles zusammenfasst und trotzdem nichts wiederholt. "Ich mag halt verschiedene Sachen, Detroit, Aphex Twin, die Sachen, mit denen man großgeworden ist. Jetzt ist sowieso eine Zeit, in der irgendwie alles schon gesagt wurde, der schnellste Track wurde produziert, aber auch stundenlang Ambient. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich das Interessante finden würde, wenn ich versuchte, revolutionäre Wege zu gehen. Da bleibt einem nicht viel übrig. Man ist nie frei von seinem Background. Mir geht es eher darum, das Beste aus allem, was ich mag, rauszupicken und trotzdem eine eigene Idee unterzubringen, die vielleicht doch originell ist."
Zorn vermittelt, stellt um, fasst zusammen, malt Aquarelle mit Buntstiften. Diese leicht abgehangene Schluffigkeit, die man gerade in Berlin gerne mit endlos moduliertem Rauschen generiert, wird mit einer Vielzahl genau gesetzter kompositorischer Mittel nachgebastelt. Das Ergebnis ist dann so etwas wie eine ultrapräzisierte Unschärfe. "Das hängt mit der Produktionsweise zusammen. Ich arbeite nicht mit Geräten, sondern nur am Laptop. Da wird halt wenig an Fadern gedreht, sondern eher eine klare Idee verfolgt, die strukturiert aufgebaut wird. Der Jam-Aspekt geht verloren, dieses Live-Ding. Auf der anderen Seite habe ich den Vorteil, einen Track so machen zu können, wie ich ihn wirklich haben will. Man kann feilen, bis man mit dem Track zufrieden ist. Deswegen dauert das dann auch so lange. Dadurch wird das Ganze auch klar strukturiert und weniger zufällig. Das ist einfach ein kopfiges Herangehen." Dass dies aber zu keinem kopfigen Ergebnis führen muss, zeigt "The city's collapsing" mit jedem Takt. Aus dem Dub ohne Hall und Delay werden Tracks, die trotzdem räumlich sind und vor allem sehr emotional. Wen kümmert da noch ein bevorstehender Weltuntergang?
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